Börsengang der ChemChina-Tochter Pirelli!

Immer öfter sind es chinesische Unternehmen, die traditionsreiche europäische Aktiengesellschaften übernehmen – und manchmal danach auch zurück an die Börse bringen. Letzteres wird voraussichtlich beim italienischen Reifenhersteller Pirelli der Fall sein. Da hatte ChemChina vor einigen Jahren die Mehrheit an einer Holding erworben, die wiederum die Mehrheit an Pirelli hält. Doch nun will ChemChina offensichtlich im Rahmen eines Börsengangs von Pirelli den eigenen Anteil an Pirelli wieder unter 50% verringern und dadurch die absolute Mehrheit an dieser Beteiligung aufgeben. Und genau dies ist diese Woche geschehen: Am Mittwoch, 4. Oktober 2017 erfolgte der Handelsstart der Pirelli-Aktien an der Börse Mailand. Wie fiel dieser Handelsstart aus, und was sind die interessanten Hintergründe dieser Beteiligung von ChemChina an Pirelli? Darum geht es in diesem Beitrag! Zu den Details:

Inhaltsverzeichnis

    • Hier der Blick auf die Details:
  • Rückblick Unternehmensgeschichte Pirelli
    • Pirelli: Von Rosneft zu ChemChina
    • Eine Frage der Definition: IPO oder Wiederaufnahme der Börsennotierung
  • Pirelli: Die Beteiligungsverhältnisse vor dem Börsengang
    • Anteil von ChemChina sank unter 50%
    • Diese Investmentbanken begleiteten den Börsengang
  • ChemChina auf internationaler Einkaufstour?
    • ChemChina und die Syngenta-Übernahme
  • Liquide Mittel für ChemChina durch den Verkauf von Pirelli-Aktien
    • Pirelli: Institutionelle Investoren interessiert?
  • Fazit zum Thema: Börsengang Pirelli (12/2017):

Hier der Blick auf die Details:

1. Rückblick Unternehmensgeschichte Pirelli
2. Pirelli: Die Beteiligungsverhältnisse vor dem Börsengang
3. ChemChina auf internationaler Einkaufstour?
4. Liquide Mittel für ChemChina durch den Verkauf von Pirelli-Aktien
5. Fazit zum Thema: Börsengang Pirelli (12/2017)

Am 4. Oktober 2017 erfolgte also der Börsengang der Pirelli-Aktien an der Mailänder Börse. Dabei ist Pirelli gewiss kein „Startup“ oder Newcomer, denn schließlich handelt es sich um sehr traditionsreiches Mailänder Unternehmen, der inzwischen zu den fünf größten Reifenherstellern der Welt gehört. Ein Handelsblatt-Artikel schrieb zum Pirelli-Börsengang recht passend, dass Pirelli „ein 145 Jahre altes Startup“ sei. Doch vor dem Blick auf das IPO = den Börsengang am 4. Oktober 2017 zunächst der Blick auf die Vergangenheit. Die Unternehmensgeschichte von Pirelli ist durchaus interessant und auch aufschlussreich im Hinblick auf die aktuelle Situation des Unternehmens. Der Wikipedia-Eintrag zu Pirelli weiß zur Gründungsphase des Unternehmens zu berichten:

„Hervorgegangen ist der Pirelli-Konzern aus einer 1873 von Giovanni Battista Pirelli gegründeten Gummiwarenfabrik. Mit einer kleinen Belegschaft wurden telegraphische Leitungen, Unterseekabel und Fahrradreifen produziert. Im Jahr 1901 begann die Produktion von Autoreifen.“

Quelle: Wikipedia-Eintrag zu Pirelli, online abrufbar unter diesem Link

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Rückblick Unternehmensgeschichte Pirelli

VerbrauchertippsSpäter wurde die Produktion auch in Deutschland aufgenommen, auch durch eine Übernahme im Bereich der Produktion von Motorradreifen. In den 1980ern übernahm Pirelli dann einen US-amerikanischen Reifenhersteller und trat damit in die Produktion von Autoreifen in Nordamerika ein. In den 1990ern versuchte Pirelli zwischenzeitlich auch, den deutschen Autoreifen-Hersteller Continental AG zu übernehmen – das klappte damals allerdings nicht. Später wurde Pirelli dann selber zum Opfer einer Übernahme. Und zwar ging es zunächst eher gemächlich los, als 2014 Rosneft bei Pirelli einstieg und rund 13% an Pirelli übernahm. 

Pirelli: Von Rosneft zu ChemChina

Doch bereits 2015 änderte sich die Lage, denn das im chinesischen Staatsbesitz befindliche Unternehmen ChemChina wollte Pirelli übernehmen. ChemChina heißt vollständig „China National Chemical Corporation“ (in diesem Beitrag wird die Kurzversion des Namens verwendet) und gehört zu den größten Chemie-Unternehmen im „Reich der Mitte“. Und ChemChina machte Nägel mit Köpfen: Zuerst wurde von ChemChina gut ein Viertel der Pirelli-Aktien übernommen, die eine Holding-Gesellschaft hielt. Für die übrigen Pirelli-Aktien bot ChemChina 15 Euro je Aktie. Das Manager Magazin bezifferte damals den Gesamtkaufpreis auf 7,1 Mrd. Euro. Damals (= März 2015) beschrieb das Manager Magazin die positive operative Lage bei Pirelli: „Pirelli war es zuletzt gelungen, trotz sinkender Autoverkäufe in Europa seine Marge zu stärken. Im abgelaufenen Jahr war der Betriebsgewinn um fast sieben Prozent auf 838 Millionen Euro gestiegen.“ (Quelle: Manager Magazin Beitrag „Heißer Reifen ist China Milliarden wert“). Diese Übernahme von Pirelli durch ChemChina im Jahr 2015 war erfolgreich.

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Eine Frage der Definition: IPO oder Wiederaufnahme der Börsennotierung

Nach der erfolgreichen Übernahme von Pirelli durch ChemChina war es nur konsequent, dass das Delisting der Pirelli-Aktien erfolgte. Dies geschah dann 2016 – seitdem wurden die Pirelli-Aktien nicht mehr an der Börse notiert. Es gilt zu beachten, dass ChemChina nicht 100% der Pirelli-Aktien hielt, aber die absolute Mehrheit, mehr dazu weiter unten. Bis eben zum 4. Oktober 2017, als Pirelli wieder an die Börse ging. Oder genauer gesagt war zuvor eine wichtige Voraussetzung zu erfüllen – dass ChemChina sich entschloss, die eigene Beteiligung an Pirelli zu verringern und Pirelli-Aktien wieder an die Börse zu bringen. Denn das war die notwendige Voraussetzung für den Börsengang am 4. Oktober. Eine „Neuemission“ ist Pirelli damit im strengen Wortsinne nicht, eher eine „Wiederaufnahme der Börsennotierung“. Das Handelsblatt sprach in diesem Kontext passend von einem 145 Jahre alten Start-up. Diese Zeitung brachte den Tag des Börsengangs bildlich auf den Punk, ich zitiere: „Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera läutet die Glocke, und der fünftgrößte Reifenhersteller der Welt geht an die Börse.“

Quelle: Pirelli-Börsengang, Ein 145 Jahre altes Start-up. Handelsblatt-Artikel, online abrufbar unter diesem Link

Pirelli: Die Beteiligungsverhältnisse vor dem Börsengang

Wie oben angemerkt hatte ChemChina zwar Pirelli mehrheitlich übernommen, besaß aber nicht 100% der Pirelli-Aktien. Pirelli selbst hatte dazu am 31. August 2017 einige Details genannt. Demnach gehörten vor dem nun erfolgten Börsengang 100% von Pirelli einem Unternehmen namens „Marco Polo International Italy S.p.A.“, kurz „Marco Polo“.

  • Von „Marco Polo“ wiederum gehörten demnach 65% einer „China National Tire & Rubber Corporation, Ltd.“, kurz „CNRC“. Diese wiederum ist aber eine Tochter von ChemChina.
  • Weitere 22,4% von Marco Polo gehörten vor dem Börsengang demnach Camfin S.p.A. („CF“)
  • Und schließlich gehörten vor dem Börsengang noch 12,6% „Long-Term Investments Luxembourg S.A.“, kurz „LTI“.

Quelle: Pirelli, “MAIN ELEMENTS OF THE SHAREHOLDERS AGREEMENT RELATING TO PIRELLI & C. S.P.A.” online abrufbar unter diesem Link

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ChecklisteAnteil von ChemChina sank unter 50%

Im Rahmen des Börsengangs sollen nun 40% des Kapitals an die Börse gebracht worden sein. Alle drei genannten Großaktionäre gaben demnach dafür Anteile ab. Besonders wichtig dabei: Der Anteil von ChemChina, der zuvor bei indirekt 65% gelegen hat laut obiger Aufstellung, ist nach dem Börsengang unter 50% gerutscht. Damit hat ChemChina die absolute Mehrheit der Anteile verloren. Im Gegenzug hat ChemChina natürlich schöne Einnahmen erhalten. Insgesamt sollen demnach beim Börsengang 400 Mio. Pirelli-Aktien zum Bezugspreis von je 6,50 Euro zugeteilt worden sein. Das entspricht einem Brutto-Emissionserlös von rund 2,6 Mrd. Euro (400 Mio. Aktien multipliziert mit 6,50 Euro).

Diese Investmentbanken begleiteten den Börsengang

“Joint Global Coordinators” waren laut Pirelli: Banca IMI S.p.A., J.P. Morgan Securities plc, Morgan Stanley & Co. International plc. Und als „Joint Bookrunner“ wurden laut den Angaben von Pirelli diese Adressen tätig: Banca IMI S.p.A., J.P. Morgan Securities plc, Morgan Stanley & Co. International plc., BNP Paribas, Goldman Sachs international, HSBC Bank plc, Mediobanca – Banca di Credito Finanziario S.p.A., Merrill Lynch International, UniCredit Corporate & Investment Banking.

ChemChina auf internationaler Einkaufstour?

Wieso hat ChemChina überhaupt Pirelli-Aktien verkauft? Wer weiß das schon. Es gibt einen Aspekte, der das begründen kann. Denn ChemChina war in den vergangenen Jahren international gewissermaßen auf Einkaufstour, was den Kauf ganzer Unternehmen bzw. Beteiligungen betraf. So kaufte ChemChina beispielsweise 2016 den traditionsreichen deutschen Maschinenbauer KraussMaffei (nicht zu verwechseln mit dem Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann). Diese Übernahme konnte der milliardenschwere ChemChina Konzern noch gewissermaßen aus der Portokasse zahlen. Für eine andere Übernahme galt dies allerdings nicht:

ChemChina und die Syngenta-Übernahme

Im Jahr 2015 wurde klar, dass ChemChina Interesse am Schweizer Agrarchemie-Riesen Syngenta hat. Es folgte dann auch 2016 ein Übernahmeangebot von ChemChina für Syngenta, das damals laut Wikipedia ein Volumen von satten 43,7 Mrd. Schweizer Franken gehabt haben soll. Diese geplante Übernahme zog sich in die Länge – auch und besonders deshalb, weil die Zustimmung von wichtigen Behörden auf sich warten ließ. Letztlich erteilten dann aber die Behörden die Zustimmung und eine große Mehrheit der Syngenta-Aktionäre nahm das Übernahmeangebot von ChemChina an. ChemChina konnte sich also freuen, dass diese Übernahme wie anvisiert zustande kam. Allerdings war der Kaufpreis im zweistelligen Milliardenbereich keine Kleinigkeit.

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Liquide Mittel für ChemChina durch den Verkauf von Pirelli-Aktien

In dem Zusammenhang ist nun möglicherweise der Verkauf von Pirelli-Aktien zu sehen. Nach dem Motto: Syngenta passt gut zum eigentlichen Geschäftsfeld von ChemChina (Chemie), die sichern wir uns mit möglichst hoher Beteiligung. Dafür können wir dann auch ein paar andere Beteiligungen im Nicht-Kerngeschäft verringern – also z.B. Pirelli? Das könnte eine mögliche Erklärung für den Börsengang von Pirelli sein. Oder auch nicht, letztlich ist es aber auch nicht entscheidend im Blick auf die aktuelle Lage, denn Fakt ist, dass der Börsengang von Pirelli nun erfolgt ist. Warum die Aktien verkauft worden, ist da eher sekundär. Doch unwichtig ist es nicht – denn es gilt zu beachten, dass ChemChina zwar nun weniger als 50% an Pirelli hält, aber weiterhin ein sehr wichtiger Großaktionär bleibt. Und wer weiß schon, ob ChemChina in Schwächephasen der Aktien nicht wieder Papiere aufkauft, um später doch wieder auf eine absolute Mehrheit = mehr als 50% der Pirelli-Aktien zu kommen?

Pirelli: Institutionelle Investoren interessiert?

Nach dem Börsengang wird es nun auch wichtig sein, wie gut institutionelle Investoren die Pirelli-Aktie annehmen werden bzw. in ihre Portfolios aufnehmen. Solche Käufen könnten teilweise ein Selbstläufer sein, je nachdem in welche Indices (die manche Institutionellen abbilden müssen) die Pirelli-Aktie aufgenommen werden wird. Beim Börsengang selbst waren die ingesamt 400 Mio. zugeteilten Aktien laut Pirelli exakt 33.329 unterschiedlichen Aktionäre zugeteilt worden. Das waren im Durchschnitt rund 12.000 Aktien pro unterschiedlichem Aktionär. Aber natürlich wird es da bedeutende Unterschiede gegeben haben zwischen Kleinaktionären und Käufern von institutioneller Seite.

Fazit zum Thema: Börsengang Pirelli (12/2017):

Bisher war der Börsengang von Pirelli kein besonders großer Erfolg. Doch natürlich kann hier noch viel passieren – zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrags lag der Börsengang am 4.10.2017 gerade einmal einen Tag zurück. Dennoch, der Börsengang selbst enttäuschte, da der Ausgabekurs von 6,50 Euro je Pirelli-Aktie schon am ersten Handelstag unterschritten wurde, teilweise recht deutlich (zwischenzeitlich fiel der Kurs auf rund 6,30 Euro). Immerhin, im späteren Handelsverlauf erholte sich die Notierung – doch ein fulminanter Börsenstart sieht anders aus. Interessant im Hinblick auf Pirelli wird sein, ob der Großaktionär ChemChina weitere Anteile verkaufen möchte und wie sich das operative Geschäft von Pirelli entwickeln wird. Dazu gilt es die kommenden Quartalszahlen abzuwarten. Auch könnte es interessant sein für diejenigen, die sich für die Aktie interessieren, die Schuldenlast von Pirelli im Auge zu behalten.

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Klarstellung

Betrachten Sie unsere Zeilen als Gedankenanstoß, nicht mehr und nicht weniger. Es geht um Ihr Geld – verantwortlich dafür sind Sie ganz alleine. Wir recherchieren nach bestem Wissen und Gewissen, übernehmen aber keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Stand der Konditionen: Oktober 2017

Bildquelle: pixabay.com

Author: Michael Vaupel

Michael Vaupel ist diplomierter Volkswirt, Historiker (M.A.) und Vollblut-Börsianer. Er verfügt über Erfahrung als Leitender Redakteur und Analyst diverser Börsenbriefe (Emerging Markets, Nebenwerte, Derivate, Rohstoffe) und legt Wert auf ethisch korrektes Investieren.

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