Verkauft Griechenland sein Tafelsilber?

In der „Welt“ habe ich einen interessanten Artikel gelesen, der sich mit den griechischen Goldreserven beschäftigte. Insofern hatte ich die Assoziation mit dem „Tafelsilber“. Denn die griechischen Goldreserven sind das, was in der Umgangssprache mit Tafelsilber bezeichnet wird. Ein wertvoller Gegenstand, den man im Alltag nicht benötigt, der aber eine Rücklage ist und „schön zu haben“. Das passt auf Goldreserven definitiv. Dem Artikel zufolge hat die Bank of Greece – die griechische Notenbank – Goldreserven in Höhe von 3,618 Millionen Feinunzen. Um das einzuordnen:

Michael Vaupel

Inhaltsverzeichnis

  • Michael Vaupel
  • Klarstellung

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Redakteur bei Vaupels Börsenwelt
Michael Vaupel ist diplomierter Volkswirt, Historiker (M.A.) und Vollblut-Börsianer. Er verfügt über Erfahrung als Leitender Redakteur und Analyst diverser Börsenbriefe (Emerging Markets, Nebenwerte, Derivate, Rohstoffe) und legt Wert auf ethisch korrektes Investieren.
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3,618 Millionen Feinunzen sind rund 113 Tonnen. 113 Tonnen Gold, das ist doch etwas. Um das in Relation zu setzen:

  • Inzwischen ist China zum größten Goldproduzenten der Welt aufgestiegen. 2011 soll die jährliche Produktion bei 355 Tonnen Gold gelegen haben.
  • Südafrika war in früheren Zeiten DAS Goldland – das hat sich aber geändert. Offensichtlich sind die dortigen Minen zunehmen ausgebeutet. Schon seit 2003 ist die südafrikanische Goldproduktion deutlich zurückgegangen. 2003 wurden dort noch 373,3 Tonnen pures Gold gefördert. 2011 sollen es dann „nur“ noch 190 Tonnen gewesen sein.
  • Weltweit sollen 2011 rund 2.700 Tonnen Gold gefördert worden sein. 113 Tonnen Gold Griechenlands sind also für den Gesamtmarkt gesehen kein großer Brocken – da weniger als 5% der jährlichen Produktion. Es ist aber auch keine Kleinigkeit, denn 113 Tonnen Gold haben derzeit immerhin einen Marktwert von knapp 4 Milliarden Euro.

Bedeutet meiner Ansicht nach: Sofern gewünscht, könnte diese Menge an Gold relativ problemlos (d.h. ohne den Goldpreis stark zu drücken) verkauft werden.

Denn dazu diese Anmerkungen: In China reicht die eigene Produktion noch nicht einmal zur Deckung des eigenen Bedarfs. Das Reich der Mitte ist Netto-Importeur von Gold.

Und dann die Zentralbanken weltweit.

Zentralbanken und Gold
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeiten (war das in den 1990ern?), als drohende Goldverkäufe von Zentralbanken als Damoklesschwert über dem Goldpreis hingen. Sobald es bestätigte Verkäufe (oder nur Gerüchte dazu!) der Zentralbanken gab, konnte der Goldpreis schnell einmal durchsacken. Das hat sich gründlich geändert. Inzwischen stehen die Zentralbanken insgesamt per saldo als Käufer da. Die Zentralbanken sind beim Gold nun zum potenziell bullishen Faktor geworden – statt potenzieller Belastungsfaktor zu sein.

Diese Faktoren führen dazu, dass Griechenland – wenn das denn die Absicht wäre – sein Gold sogar verkaufen könnte, ohne am Markt tätig werden zu können. Es könnten sich bei Zentralbanken Käufer finden, welche die griechischen Bestände kaufen könnten, ohne dass dafür eine Transaktion am freien Markt notwendig wäre. Ja, wer weiß, auch der Internationale Währungsfonds (IWF) könnte ja auch das Gold nehmen und sich damit Verpflichtungen ihm gegenüber erfüllen lassen.

Gold hat allerdings wie Tafelsilber diese Eigenschaft: Wenn es einmal verkauft ist – dann ist es weg. Das ist ein Einmal-Effekt. Wenn sich dann die grundlegende Situation nicht verbessert hat, ist das Problem (in dem Fall die Zahlungsfähigkeit/mögliche Überschuldung/Liquidität Griechenlands) nicht aus der Welt.

Kurzfristig allerdings wäre der Verkauf des „Tafelsilbers“ = Gold eine Möglichkeit für Griechenland, den Verpflichtungen nachzukommen. Für eine wirkliche Lösung der Probleme reicht dies allerdings wohl kaum aus.

Klarstellung

Und auch hier gilt: Dies ist meine rein subjektive Einschätzung und keine Aufforderung an Sie, diese Aktien zu handeln. Betrachten Sie meine Zeilen als Gedankenanstoß, nicht mehr und nicht weniger. Es geht um Ihr Geld – verantwortlich dafür sind Sie ganz alleine. Wir recherchieren nach bestem Wissen und Gewissen, übernehmen aber keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben.

Author: Michael Vaupel

Michael Vaupel ist diplomierter Volkswirt, Historiker (M.A.) und Vollblut-Börsianer. Er verfügt über Erfahrung als Leitender Redakteur und Analyst diverser Börsenbriefe (Emerging Markets, Nebenwerte, Derivate, Rohstoffe) und legt Wert auf ethisch korrektes Investieren.

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